Der Name "Fairsharing" erinnert nicht umsonst an "Carsharing", das bekannte Stadtauto-Modell, bei dem sich mehrere Leute ein Auto teilen. Da kann es zu Engpässen kommen: Vielleicht ist gerade kein Auto frei, wenn sich einer der Beteiligten spontan entschließt, einen Ausflug zu machen. Beim Fairsharing kann das nicht passieren: Wenn ich übers Internet Audio- oder Videodateien mit anderen austausche, werden die Daten dadurch nicht weniger. Das ist ähnlich wie bei guten Ideen: Ich bekomme um so mehr, je mehr Leute sich am Austausch beteiligen. Und so entstanden Tauschbörsen im Internet, verbunden durch sogenannte Peer-to-peer-Netzwerke: Jeder, der sich einklinkt, kann etwas herunterladen und er kann Daten auf seinem eigenen PC dem Netzwerk zugänglich machen. Soweit wunderbar.
Nun, die Plattenindustrie jammert. Gut, das tun die immer. Sie jammert aber nicht nur, sondern hat eine Menge juristischer und technischer Restriktionen erfunden, um ihr Eigentum zu schützen – das nennt man dann "Digital Rights Management", kurz DRM. Das hat mit der Grundidee von Fairsharing nichts zu tun, und deshalb wird es von Fairsharing als "Digitale Rechte Minimierung (DRM)" veralbert.
Aber halt, einer ist doch der Dumme beim Datentauschen, nämlich der Künstler, der beispielsweise die Musik produziert. Und da setzt die Idee der "Kulturflatrate" ein: Statt P2P-Netzwerke zu verbieten und ihre Nutzer massenweise zu kriminalisieren, fordert Fairsharing die Kulturflatrate: für fünf Euro im Monat legal im Internet tauschen, so viel man will. Urheber werden für das Tauschen ihrer Werke entlohnt, und die Gesellschaft kann die Vorteile von P2P-Netzwerken und Internet nutzen, ohne durch DRM gehemmt zu werden.
Dabei verweist Fairsharing auf das Modell "Radio" als besseres Vorbild für den Umgang mit P2P-Netzwerken. Das "Raubkopieren", sprich Aufnehmen von Musik, die im Radio gesendet wird, zu privaten Zwecken, sei dort nämlich völlig legal. Ebenso dürfen die Radiostationen Musik über den Äther schicken, ohne dafür mit jedem einzelnen Rechteinhaber eine Abmachung treffen zu müssen. Dennoch geht die Musikindustrie daran nicht kaputt, was zum großen Teil daran liegt, dass die Urheberrechte ja nicht aufgehoben werden. Stattdessen erhalten die Rechteinhaber Geld aus dem Topf der Verwertungsgesellschaft, in diesem Fall der GEMA.
Übertragen auf den Online-Bereich hieße das, dass das nichtkommerzielle Tauschen von Musik und Filmen legalisiert wird und dafür eine Gebühr zur Entschädigung der Rechteinhaber erhoben wird - die Kultur-Flatrate. Erhoben werden könnte diese Gebühr auf Computer und vor allem auf Internet-Zugänge, differenziert nach deren Schnelligkeit.
Mit digitaler Technik lässt sich relativ leicht anonym feststellen, welche Musik wie oft heruntergeladen und gehört wird, so dass eine neue "Verwertungsgesellschaft Online" nicht wie die GEMA auf ungenaue und oft ungerechte Schätzungen angewiesen wäre. Noch genauere Zahlen kann man erreichen, wenn man zusätzlich Mittel der Meinungsforschung (Sampling) anwendet.
Natürlich gibt es auch Nachteile. Einer ist, dass jeder Internet-Nutzer die Flatrate zahlen müsste, unabhängig davon, ob er Musik herunterlädt oder nicht – das bringt das Solidarprinzip mit sich. Ein zweiter Nachteil ist, dass eine neue Verwertungsgesellschaft aufgebaut werden müsste, die natürlich auch Kosten und Bürokratie verursacht (funktioniert aber, siehe Beispiel GEMA). Die eigentlichen "Nachteile", die eine Einführung der Flatrate behindern, liegen woanders: Verlieren würden nämlich die Plattenfirmen, die bisher wesentlich mehr Kontrolle über den Markt haben. Ebenfalls verlieren würden die Hersteller von DRM-Technologie und in geringem Maß auch die Online-Musik-Shops (die ihr Geld dann mit Mehrwert vedienen würden, genauso wie dies bei Open Source Software auch heute schon funktioniert). Diese mächtige Lobby blockiert mit Kampagnen (z.B. "Raubkopierer sind Verbrecher") bisher den innovativen Vorschlag der Flatrate.
Gewinnen würden bei der Kulturflatrate die Musikerinnen und Musiker. Da gibt es ganz wenige Hochverdienende, die Superstars, und viele gute Musiker, die nicht bekannt werden, weil sie nicht so viel Geld fürs Marketing und den Vertrieb ausgeben. Eine interessante Erkenntnis habe ich bei Fairsharing gefunden: Der "Superstareffekt" müsste sich abschwächen, wenn die Akquisitions- und Suchkosten für neue Musik zurückgehen. Das lässt sich anhand der vielen neuen Popmusiker und Bands nachweisen, die in den späten 90-er Jahren in den Charts auftauchten. Die entscheidenden Schlüsseltechnologien dafür sind – nach der Erfindung des grafischen Webbrowsers 1992 - der MP3-Softwareplayer im 1997 und die P2P-Netzwerke im Jahr 1999.
Für das Modell der Kulturflatrate erhält Fairsharing.de heute einen Preis in der Sparte "Online" des Alternativen Medienpreises. Herzlichen Glückwunsch!
Nürnberg, 5.5.2006,
Gabriele Hooffacker